Am Abend des Buß- und Bettags verwandelte die WALI den großen Saal das Nachbarschaftszentrum in Niedergirmes in ein kleines Theater. Zu sehen war Charles Dickens’ „Eine Weihnachtsgeschichte“ — eine zeitlose Erzählung über den geizigen Ebenezer Scrooge, die Begegnung mit den drei Geistern und die Möglichkeit innerer Wandlung. Die Inszenierung der WALI wurde zu einem starken, berührenden Statement: Veränderung ist möglich — persönlich wie gesellschaftlich.

Bühne, Besetzung, Atmosphäre

Die Produktion wurde von Mitgliedern der WALI selbst getragen. Ohne großen technischen Schnickschnack, aber mit viel Engagement und Präsenz auf der Bühne, gelang es der Gruppe, Dickens’ Figuren klar und eindrücklich zum Leben zu erwecken. Die schlichte, konzentrierte Ausstattung richtete den Blick auf die Figuren und ihre Wandlung — genau dort, wo die Geschichte ihre größte Kraft entfaltet.

Das Schauspiel wurde noch durch die kreativen Impulse der Bühnenbildnerinnen, der Tontechnik und durch kreative Köpfe bei einer mitlaufenden Präsentation verstärkt, die z.B. einen riesigen Grabstein gestalteten oder mit kleinen Ausstattungen die Wirkungen des Schauspiels noch verstärkten und durch Bilder und Töne die Aussagen des Stückes klarer machten.

Die Interpretation: Dickens heute lesen

Die WALI ließ Dickens’ Klassiker nicht als nostalgische Weihnachtsunterhaltung erscheinen, sondern als akute Einladung zur Reflexion. Die Wandlung Scrooges wurde nicht (nur) auf individuelle Moral reduziert, sondern in Beziehung gesetzt zu sozialen Fragen: Wie gehen wir mit Armut, Arbeitslosigkeit und sozialer Ungleichheit um? Welche Verantwortung trägt die Gemeinschaft, welche die Politik, welche wir als einzelne Mitmenschen?

Diese Perspektive wurde durch die Einbettung in den gesamten Buß- und Bettag – mit dem Gottesdienst – noch verstärkt: Im Anschluss an den Theaterteil folgten Gedichte von Brecht und eine kleine selbst verfasste Szene, die die aktuellen sozialen Konflikte — etwa die Schließungen bei Buderus und Continental in Wetzlar — direkt ansprachen. So entstand ein deutlicher Bogen von literarischer Fiktion zu realen Lebensfragen vieler Anwesender.

Spiel und Inszenierung: Stärken der Aufführung

Das Ensemble überzeugte durch Natürlichkeit und Mut zur Reduktion; vor allem die Entwicklung des Scrooge war überzeugend und nachvollziehbar.

Der Dialog mit dem Publikum entstand nicht nur durch direkte Ansprache, sondern auch durch die Nähe der Bühne und die authentische Darstellung sozialer Randfiguren.

Das Stück war so angelegt, dass es nicht mit dem Schlussapplaus endete. Fragen blieben offen — genau das, was aus dem Blick unserer Schauspielergruppe gute Theaterarbeit ausmacht.

Reaktionen und Wirkung

Der Saal des Nachbarschaftszentrums war sehr gut besucht: mehr als 150 Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgten das Stück aufmerksam. Die enge Atmosphäre verstärkte die Nähe zwischen Bühne und Publikum; Lachen und betretenes Schweigen wechselten sich ab.

Die Rückmeldungen aus dem Publikum waren durchweg positiv. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer bezeichneten die Aufführung als anregend und nachdenklich machend. Besonders hervorzuheben ist, dass das Stück Gespräche anstieß — nicht nur über die literarische Figur Scrooge, sondern über konkrete Sorgen und Hoffnungen in der Region: Arbeitsplatzunsicherheit, Einkommensverluste, die Zukunft von Familien.

Das vor der Aufführung kredenzte Buffet der Küchencrew der WALI im Foyer bot Raum für Austausch: hier wurden Szenen, Zitate und Eindrücke weiterbesprochen, persönliche Bezüge hergestellt und Kontakte geknüpft. Für viele war das Zusammensein ein wichtiger Bestandteil des Abends — nicht nur kulinarisch, sondern als gelebte Gemeinschaft.

Brecht, politische Brisanz und die Einladung zur Solidarität

Zum Stück gehörten auch Gedichte von Bertolt Brecht und gaben dem Abend eine klare politische Dimension. Für viele war dies kein einseitiges Moralisieren, sondern ein Hinweis darauf, dass persönliche Wandlung und gesellschaftliches Umsteuern zusammengehören.

Die Kombination aus Dickens’ Erzählung, Brechts bedrängender Sozialkritik und den aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen in der Region machte den Abend zu einer eindrücklichen Mahnung: Wenn Arbeitsplätze schwinden und Zukunftssorgen wachsen, braucht es sowohl Mitgefühl als auch kollektives Handeln.

Fazit

Die WALI hat mit dieser Theateraufführung bewiesen, dass Kultur und gesellschaftliches Engagement kraftvoll zusammenspielen können. Mit viel Herz und politischer Sensibilität entstand eine Aufführung, die unterhielt, bewegte und zum Nachdenken anregte.

Sie zeigte, dass Wandel möglich ist — wenn Menschen miteinander ins Gespräch kommen, zuhören und solidarisch handeln.

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