Im Februar waren wir als Verein beim Thementag „Engagement – wer kann sich das leisten?“ – organisiert von Carolin Mauritz vom Freiwilligenzentrum Offenbach und der bagfa aus Berlin – eingeladen. Rund 45 Kolleg:innen aus Freiwilligenagenturen diskutierten zentrale Fragen rund um Armut, soziale Ungleichheit und Zugänge zum Engagement.
Im Mittelpunkt stand der Impuls von Anne van Rießen, Mitglied der Sachverständigenkommission des Vierten Engagementberichts der Bundesregierung. Ihre zentrale Botschaft: Nicht das fehlende Interesse armutsbetroffener Menschen sei das Problem – sondern strukturelle Schwellen, die Engagement erschweren oder verhindern.
Armut bedeutet nicht nur fehlendes Geld, sondern auch eingeschränkten Zugang zu Bildung, Gesundheit, Wohnen, Zeit, Netzwerken und gesellschaftlicher Repräsentation. Diese Ungleichheiten spiegeln sich auch im Engagement wider. Der Engagementbericht identifiziert 13 sichtbare und unsichtbare Schwellen, die insbesondere marginalisierte Gruppen betreffen.

In der anschließenden Gesprächsrunde brachte unser Mitarbeiter Stefan Lerach die Perspektive arbeitsloser und armutserfahrener Menschen ein. Aus der täglichen Praxis wissen wir, so Lerach: Erwerbslosigkeit geht häufig mit massiven gesellschaftlichen Vorurteilen und Stigmatisierungen einher. Diese Zuschreibungen wirken sich nicht nur auf das Selbstbild und die Gesundheit der Betroffenen aus, sondern auch auf ihre Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe – einschließlich Engagement.
Noch immer ist Engagement oft ein „Mittelstandsprojekt“. Die Idee, sich freiwillig zu engagieren, muss für viele Menschen zunächst verständlich, erreichbar und realistisch werden. Entscheidend ist dabei die Erfahrung von Selbstwirksamkeit: Wer erlebt, dass das eigene Handeln Wirkung zeigt, gewinnt Mut, Stabilität und neue Perspektiven.
„Wer über Armut spricht, darf über Geld nicht schweigen.“
Ein zentraler Punkt des Beitrags war die Frage nach finanziellen Hürden im Engagement. Für viele armutsbetroffene Menschen verschärfen Inflation, steigende Lebenshaltungskosten und prekäre Beschäftigung die Situation zusätzlich. Engagement darf kein Luxus sein, den man sich „leisten können“ muss.
Deshalb braucht es: verlässliche Auslagen- und Kostenerstattung, transparente Regelungen, ggf. Aufwandsentschädigungen, Begleitung und Unterstützung beim Einstieg ins Engagement, Schwellen müssen nicht nur abgebaut, sondern Menschen auch aktiv unterstützt werden, um Engagement tatsächlich erreichen zu können, Engagement braucht machtsensible Strukturen.
Der Fachtag hat deutlich gemacht: Ungleichheit im Engagement ist eine Demokratiefrage.
Wenn bestimmte Gruppen systematisch unterrepräsentiert sind, hat das strukturelle Gründe. Deshalb braucht es: machtsensible Engagementförderung, kritische Reflexion eigener Haltungen, klare Benennung von Rassismus und Klassismus, Kooperationen mit Selbstorganisationen sowie kreative, niedrigschwellige Formate.
Die WALI arbeitet seit Jahren daran, so Lerach, Engagement für armutsbetroffene und arbeitslose Menschen zugänglich zu machen – unter anderem durch Qualifizierung von Engagement-Coaches, enge Zusammenarbeit mit lokalen Partnern wie dem Freiwilligenzentrum Lahn-Dill und durch die Verknüpfung von Beratung, Bildung und Beteiligung.
Das Fazit der WALI! Die Frage lautet nicht: Wollen armutsbetroffene Menschen sich engagieren? Die Frage lautet: Erlauben unsere Strukturen es ihnen? Lerach betont, dass sich unser Verein weiterhin dafür einsetzt, dass Engagement nicht ausschließt, sondern stärkt – und dass Teilhabe unabhängig vom Geldbeutel möglich ist.
Ausblick: Mit Haltung gesellschaftlichem Wandel begegnen
Beim Thementag wurden viele neue Impulse entwickelt. Klar wurde: Unsere Gesellschaft ist geprägt von zunehmenden sozialen Problemlagen. Eine ungleiche Gesellschaft spiegelt sich auch im Engagement wider. Freiwilligenagenturen können sich mit ihren Angeboten, Projekten, Netzwerken und Kooperationen auf diesen Wandel einstellen: Hierfür braucht es klare Haltungen, einen sensiblen Blick auf Perspektiven von marginalisierten und armutsbetroffenen Menschen und kreative Ideen, um Angebote, Formate und Kooperationen weiterzuentwickeln.
Gleichzeitig werden an Freiwilligenagenturen und Engagement viele Anforderungen gestellt – verschärft wird eine mögliche Überforderung auch durch knappe Haushaltskassen und multiple Krisen. Auch aus diesem Grund ist eine solidarische, offene Haltung wichtig. Weiterhin sollten sich relevante Akteure in die Diskussionen um Schwellen, Monetarisierung und Zukunftsfragen des Engagements aktiv einzubringen.
Mehr Informationen über den Fachtag finden Sie auf der Seite der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen e.V. (bagfa).
Fotos: Freiwilligenzentrum Offenbach
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