Im Februar waren wir als Verein beim Thementag „Engagement – wer kann sich das leisten?“ – organisiert von Carolin Mauritz vom Freiwilligenzentrum Offenbach und der bagfa aus Berlin – eingeladen. Rund 45 Kolleg:innen aus Freiwilligenagenturen diskutierten zentrale Fragen rund um Armut, soziale Ungleichheit und Zugänge zum Engagement.

Im Mittelpunkt stand der Impuls von Anne van Rießen, Mitglied der Sachverständigenkommission des Vierten Engagementberichts der Bundesregierung. Ihre zentrale Botschaft: Nicht das fehlende Interesse armutsbetroffener Menschen sei das Problem – sondern strukturelle Schwellen, die Engagement erschweren oder verhindern.
Armut bedeutet nicht nur fehlendes Geld, sondern auch eingeschränkten Zugang zu Bildung, Gesundheit, Wohnen, Zeit, Netzwerken und gesellschaftlicher Repräsentation. Diese Ungleichheiten spiegeln sich auch im Engagement wider. Der Engagementbericht identifiziert 13 sichtbare und unsichtbare Schwellen, die insbesondere marginalisierte Gruppen betreffen.

Mit Perspektivwechsel und Erfahrungswissen gemeinsam Gesellschaft gestalten: Gesprächsrunde zu Schwellen in der Praxis

Engagement soll inklusiver und diverser gestaltet werden. Doch was bedeuten die beschriebenen Schwellen aus dem Engagementbericht für die Praxis? Welche Perspektive haben Selbstorganisationen auf die Zugangschancen im Engagement? Und wie können Bedingungen und Kooperationen besser gestaltet werden? Diese und weitere Fragen beschäftigte eine Gesprächsrunde mit „Perspektivgebenden“ – also Organisationen, die aus Sicht von marginalisierten Gruppen, Migrant:innen und arbeitslosen Menschen berichteten – moderiert von Carolin Mauritz, Mitarbeiterin im FzOF.

Für Lydia Mesgina vom Projekt Moses – Jugend- und Sozialwerk e.V. habe Engagement eine wichtige Wirkungs- und Integrationskraft. Der Verein engagiert sich in verschiedenen Bereichen, etwa zur Unterstützung der eritreischen Community. Mesgina begrüßt, dass im Engagementbericht auch Perspektiven von marginalisierten Gruppen gezeigt werden, auch wenn sie die Bezeichnung als „neue Organisationen“ kritisiert. Migrantische Selbstorganisationen seien schon seit Jahrzehnten in Deutschland aktiv, ihr Engagement aber nicht ausreichend sichtbar.

Das liege auch an dem hohen Anteil informellen Engagements, dass migrantische Selbstorganisationen leisteten. Aufgrund der fehlenden Sichtbarkeit finde auch wenig Zusammenarbeit mit etablierten Akteuren der Engagementszene statt, wie zum Beispiel mit Freiwilligenagenturen. Die Diskussion um Bezahlung im Engagement, hält sie für eine „Luxus-Diskussion“, da informelles Engagement häufig unentgeltlich geleistet wird. Mittel für Aufwandsentschädigungen oder Auslagen seien meist nicht vorhanden.

Lydia Mesgina plädierte auch für eine stärkere Berücksichtigung von migrantischen Selbstorganisationen in der Verteilung von Fördergeldern, diese sollten in den Programmen stärker mitgedacht werden. Mit Blick auf die aktuelle gesellschaftliche Stimmungslage, in der marginalisierte Gruppen starker Diskriminierung ausgesetzt sind, wünsche sie sich, dass die Zivilgesellschaft gemeinsam eine demokratische und solidarische Gesellschaft gestalten – egal ob sogenannte „neue“ oder „alte“ Organisationen.

Die Perspektive armutserfahrener und langzeiterwerbsloser Menschen aus Sicht der WALI

In der anschließenden Gesprächsrunde brachte unser Mitarbeiter Stefan Lerach die Perspektive arbeitsloser und armutserfahrener Menschen ein. Aus der täglichen Praxis wissen wir, so Lerach: Erwerbslosigkeit geht häufig mit massiven gesellschaftlichen Vorurteilen und Stigmatisierungen einher. Diese Zuschreibungen wirken sich nicht nur auf das Selbstbild und die Gesundheit der Betroffenen aus, sondern auch auf ihre Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe – einschließlich Engagement.

Noch immer ist Engagement oft ein „Mittelstandsprojekt“. Die Idee, sich freiwillig zu engagieren, muss für viele Menschen zunächst verständlich, erreichbar und realistisch werden. Entscheidend ist dabei die Erfahrung von Selbstwirksamkeit: Wer erlebt, dass das eigene Handeln Wirkung zeigt, gewinnt Mut, Stabilität und neue Perspektiven.

„Wer über Armut spricht, darf über Geld nicht schweigen.“

Ein zentraler Punkt des Beitrags war die Frage nach finanziellen Hürden im Engagement. Für viele armutsbetroffene Menschen verschärfen Inflation, steigende Lebenshaltungskosten und prekäre Beschäftigung die Situation zusätzlich. Engagement darf kein Luxus sein, den man sich „leisten können“ muss.

Deshalb braucht es: verlässliche Auslagen- und Kostenerstattung, transparente Regelungen,  ggf. Aufwandsentschädigungen,  Begleitung und Unterstützung beim Einstieg ins Engagement, Schwellen müssen nicht nur abgebaut, sondern Menschen auch aktiv unterstützt werden, um Engagement tatsächlich erreichen zu können, Engagement braucht machtsensible Strukturen.

Der Fachtag hat deutlich gemacht: Ungleichheit im Engagement ist eine Demokratiefrage.

Wenn bestimmte Gruppen systematisch unterrepräsentiert sind, hat das strukturelle Gründe. Deshalb braucht es: machtsensible Engagementförderung,  kritische Reflexion eigener Haltungen, klare Benennung von Rassismus und Klassismus, Kooperationen mit Selbstorganisationen sowie kreative, niedrigschwellige Formate.

Die WALI arbeitet seit Jahren daran, so Lerach, Engagement für armutsbetroffene und arbeitslose Menschen zugänglich zu machen – unter anderem durch Qualifizierung von Engagement-Coaches, enge Zusammenarbeit mit lokalen Partnern wie dem Freiwilligenzentrum Lahn-Dill und durch die Verknüpfung von Beratung, Bildung und Beteiligung.

Das Fazit der WALI! Die Frage lautet nicht: Wollen armutsbetroffene Menschen sich engagieren? Die Frage lautet: Erlauben unsere Strukturen es ihnen? Lerach betont, dass sich unser Verein weiterhin dafür einsetzt, dass Engagement nicht ausschließt, sondern stärkt – und dass Teilhabe unabhängig vom Geldbeutel möglich ist.

Ausblick: Mit Haltung gesellschaftlichem Wandel begegnen

Beim Thementag wurden viele neue Impulse entwickelt. Klar wurde: Unsere Gesellschaft ist geprägt von zunehmenden sozialen Problemlagen. Eine ungleiche Gesellschaft spiegelt sich auch im Engagement wider. Freiwilligenagenturen können sich mit ihren Angeboten, Projekten, Netzwerken und Kooperationen auf diesen Wandel einstellen: Hierfür braucht es klare Haltungen, einen sensiblen Blick auf Perspektiven von marginalisierten und armutsbetroffenen Menschen und kreative Ideen, um Angebote, Formate und Kooperationen weiterzuentwickeln.

Gleichzeitig werden an Freiwilligenagenturen und Engagement viele Anforderungen gestellt – verschärft wird eine mögliche Überforderung auch durch knappe Haushaltskassen und multiple Krisen. Auch aus diesem Grund ist eine solidarische, offene Haltung wichtig. Weiterhin sollten sich relevante Akteure in die Diskussionen um Schwellen, Monetarisierung und Zukunftsfragen des Engagements aktiv einzubringen.

Mehr Informationen über den Fachtag finden Sie auf der Seite der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen e.V. (bagfa).

Fotos: Freiwilligenzentrum Offenbach

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